Rechtschreibreform - was nun? Die künftige Ausrichtung des Grammatischen Telefons
Prof. Dr. Christian Stetter (RWTH Aachen), 3. November 2004
Der Prozeß staatlicher Einflußnahme auf die Entwicklung der Orthographie des Deutschen ist wohl
abgeschlossen. Die Konferenzen der Ministerpräsidenten und Kultusminister der Länder haben bestätigt,
daß die sogenannte Amtliche Regelung im August 2005 für Schulen alleinverbindlich wird - wie immer diese
Regelung bis dahin aussehen mag. Gleichzeitig soll ein Rat für Rechtschreibung die weitere Entwicklung
beobachten und die Neuregelung in den umstrittenen Gebieten an den allgemein akzeptierten Schriftgebrauch
anpassen. Der Staat zieht sich also in Sachen Orthographie aus der Verantwortung für das ungeliebte Kind
zurück, das er in die Welt gesetzt hat.
Dies kommt dem Eingeständnis gleich, daß er auf diesem Gebiet keine Regelungskompetenz besitzt. Die
orthographischen Normen einer literalen Gesellschaft lassen sich eben nicht per Dekret regeln. Und wenn
es schon dem Staat nicht gelungen ist, die Mehrheit der Bevölkerung vom Sinn der Neuregelung zu überzeugen,
wie sollte das dann einem durch nichts legitimierten Rat von Privatleuten gelingen?
Resultat dieser Farce ist, daß die Homogenität der deutschen Orthographie zerstört ist. Wir werden in den
nächsten zwei bis drei Jahrzehnten mit einer gespaltenen Rechtschreibung zu leben haben. Dies ist nicht nur
ein kultureller Verlust aus den grammatischen, semantischen und stilistischen Gründen, die - zu Recht -
gegen die Neuregelung vorgebracht worden sind. Nebenbei ist es angesichts der sinnlosen Revision von Büchern
und Texten und Millionen vergeudeter Schulungsstunden in Administrationen und Unternehmen auch ein
beträchtlicher ökonomischer Verlust.
Die Homogenität unserer Orthographie muß also zurückgewonnen werden. Dies kann nur durch die Gemeinschaft
der Schreibenden geschehen. Das Grammatische Telefon sieht es als seine Aufgabe an, diesen Prozeß zu
unterstützen. Hierbei hat die alte Regelung den Vorzug, wenigstens in sich so weit eindeutig zu sein,
wie man dies von der Orthographie einer großen Literatursprache erwarten kann, in deren System ja andauernd
irgend etwas in Bewegung ist. Die Neuregelung fördert dagegen in sich schon die Heterogenität unserer
Orthographie: indem sie verschiedene Regelauslegungen zuläßt, mit jeder Version neue Varianten hinzukommen
und jeder sich seine eigene Hausschreibung daraus zusammenstellt. Und weil zudem der Duden von Auflage zu
Auflage die "Rückschreibung" praktiziert, sollte man sich im Zweifelsfall - um des Ziels Homogenität
willen - der alten Regelung anschließen.
Das Grammatische Telefon versteht sich daher künftig besonders als Beratungsangebot für diejenigen, die
nach der alten Regelung schreiben.
Denn da Duden und Bertelsmann sich auf die Neuregelung verpflichtet haben, fehlt eine entsprechende
Orientierung für die Anhänger der alten oder "bewährten" Regelung. Natürlich kann beim Grammatischen
Telefon auch anrufen, wer aus schulischen oder beruflichen Gründen nach der Neuregelung schreiben muß.
Die überwiegende Mehrheit der Anfragen hat schließlich nach wie vor nichts mit der irreführenden
Opposition von alter und neuer Rechtschreibung zu tun. Tatsächlich ist die Menge der Schreibungen, die
durch die Neuregelung nicht tangiert worden sind, viel größer als die Menge der divergenten Schreibungen.
Betrifft eine Frage eine "neue" Schreibweise, werden wir darauf hinweisen, wenn wir diese für nicht
vertretbar halten, und gegebenenfalls eine andere - die alte - Schreibweise anraten. Auch dort,
wo die Neuregelung als Variante die "alte" Schreibung zuläßt, werden wir diese empfehlen. Darüber
hinaus werden wir uns bemühen, über die oben skizzierte Normenproblematik aufzuklären.
→ Rechtschreibreform - was nun? (Diese Pressemitteilung als PDF)
Presseberichte zum Thema Rechtschreibreform
→ Alle Ampeln einfach ausgestellt (AZ/AN, 26. Januar 2004)
→ "Merkwürdig, dass so eine Mafia existiert" (AZ/AN, 30. Januar 2004)
→ Millionenschaden durch Orthographie-Chaos?
(Deutschlandfunk, 27. Juli 2004)
→ Wie Sommer-Sonne zu Weihnachten (AN, 7. August 2004)
Weitere Informationsquellen
Auf der Webseite des Rats für deutsche Rechtschreibung finden Sie die Neuregelung einschließlich der Wortliste, außerdem Empfehlungen des Rats zu verschiedenen Paragraphen des Regelwerks:
www.rechtschreibrat.com.
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